29.01.2025 | Parlament

Rede von Bundestagspräsidentin Bärbel Bas bei der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus

[Stenografischer Dienst]

Bärbel Bas, Präsidentin des Deutschen Bundestages:

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, 
liebe Frau Büdenbender,
sehr verehrter Herr Schwarzman,
sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
sehr geehrte Frau Bundesratspräsidentin,
sehr geehrter Herr Präsident des Bundesverfassungsgerichts,
Exzellenzen,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen!

Auschwitz, 27. Januar 1945, gegen 15 Uhr: Panzer der Roten Armee fahren zum Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“. Die Soldaten sind junge Männer, darunter Russen, Ukrainer, Tschetschenen, Georgier. Mit dem Panzer durchbrechen sie das Tor zum Stammlager Auschwitz. Lastwagen um Lastwagen folgt. Soldaten springen heraus. 

Wenig später, 3 Kilometer entfernt, durchbricht der 21-jährige David Dushman mit seinem Panzer auch den Stacheldraht von Auschwitz-Birkenau. 

Die jungen Männer sind kampferprobt. Der Anblick Toter ist für sie alltäglich. Doch keiner von ihnen ist vorbereitet auf das, was sie in Auschwitz erwartet: Hunderte Leichen, ein beißender Geruch - der Gestank nach verbranntem Fleisch. Von oben fällt dunkle Asche auf den Schnee. Nach und nach tauchen Gestalten aus den Baracken auf, bleiben ratlos stehen - abgemagert, kahlgeschoren, mit eingefallenen Gesichtern und leblosen Augen.

So geht es aus den Berichten verschiedener Augenzeugen hervor. Ich zitiere Grigori Elisavetskii, einen der ersten sowjetischen Offiziere, die Auschwitz erreichten: 

„Ich betrete die Baracke (…) Auf den dreistöckigen Pritschen liegen halbtote Menschen wie Skelette (…) Wie durch einen Nebel höre ich die Worte meiner Soldaten: ,Ihr seid frei, Kameraden!‘ Ich merke, dass sie (…) nicht verstehen. Ich spreche sie auf Jiddisch an. (…) Erst als ich sagte: ,Fürchtet euch nicht, ich bin Oberst der Sowjetarmee und ich bin Jude, wir sind gekommen, um euch zu befreien‘ (…) schien endlich ein Damm zu brechen (…) (sie) kamen schreiend auf uns zu gerannt, fielen auf die Knie, küssten die Säume unserer Mäntel und umarmten unsere Beine. Und wir standen regungslos da (…) und über unsere Wangen flossen die Tränen.“ Zitat Ende. 

Und ich zitiere Eva Mozes, damals 10 Jahre alt und seit 9 Monaten in Auschwitz: „Wir liefen auf sie zu und sie gaben uns Umarmungen, Kekse und Schokolade. Da wir so allein waren, bedeutete eine Umarmung mehr, als man sich vorstellen kann (…) Wir waren nicht nur hungrig nach Essen, sondern auch nach menschlicher Zuwendung. Und die Sowjetarmee hat uns etwas davon gegeben.“ Zitat Ende. 

Ungefähr 7 000 Menschen wurden der Forschung nach aus dem Lagerkomplex Auschwitz befreit. Mehrere Hundert von ihnen sterben in den Monaten nach der Befreiung. Die meisten Gefangenen hatte die SS zuvor ermordet, mehrere Zehntausend auf Todesmärsche gen Westen geschickt.

80 Jahre sind diese schrecklichen Ereignisse her. Doch solches Grauen vergeht nicht. Solche Verletzungen der Seele kann selbst die Dauer eines Menschenlebens nicht heilen. 

Meine Damen und Herren, ich war selbst im vergangenen Sommer in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Der Ort wirkt auf unheimliche Weise friedlich. Die Sonne scheint auch dort. Man hört nicht die Schreie der Menschen, die in den Gaskammern qualvoll erstickten. Man sieht nicht, dass auf jener Wiese hinter dem Krematorium die Asche der Ermordeten verstreut wurde. Die Arbeit der Gedenkstätte hat mich sehr beeindruckt, so wie übrigens auch die Arbeit der Internationalen Jugendbegegnungsstätte. 

Orte allein reichen aber nicht aus, um zu erinnern. Ich habe auf meiner Reise nach Auschwitz Überlebende getroffen. Wenn sie erzählen, beginnt man zu begreifen, was Auschwitz bedeutet. Wenn wir ihnen zuhören, werden wir selbst zu Zeugen ihrer Erzählungen. 

Für mich ist es ein Wunder, dass die Überlebenden bereit sind, über Auschwitz zu sprechen. Und ein Wunder, dass es überhaupt noch Überlebende gibt! Die allermeisten Schicksale in Auschwitz endeten an der Rampe, in der Gaskammer, im Krematorium. Diese Kinder, Frauen und Männer konnten ihre Leidensgeschichten nie erzählen. Ein lautes, unermessliches Schweigen seit über 80 Jahren. Und für immer.

Meine Damen und Herren, um diesem Schweigen etwas entgegenzusetzen, gedenken wir jedes Jahr am Tag der Befreiung von Auschwitz aller Opfer des Nationalsozialismus, auch hier im Deutschen Bundestag. 

Wir gedenken der 6 Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden Europas. 

Wir gedenken der Opfer der deutschen Besatzungsherrschaft und Vernichtungspolitik, insbesondere in Mittel- und Osteuropa. 

Wir gedenken der ermordeten Sinti und Roma. 

Wir gedenken aller Menschen, die wegen ihrer politischen Überzeugung, ihres christlichen Glaubens oder als Zeugen Jehovas verfolgt wurden. 

Wir gedenken der verfolgten queeren Menschen, der Menschen, die als „asozial“ diffamiert wurden, und der Opfer der sogenannten „Euthanasie“.

Wir gedenken der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die ausgebeutet und entrechtet wurden.

Wir gedenken der Widerstandskämpferinnen und -kämpfer, die hingerichtet wurden.

Wir gedenken aller Überlebenden, die für immer von diesen Erfahrungen gezeichnet sind. 

Wir gedenken der Familien und Nachfahren der Opfer und Überlebenden, die gezwungen sind, einen Umgang mit der eigenen Familiengeschichte zu finden.

Meine Damen und Herren, begleitet wird unser Gedenken heute durch Musik von zwei Komponisten und einer Komponistin, deren Leben wegen ihrer jüdischen Abstammung von Flucht und Verfolgung geprägt war. Gideon Klein, dessen Stück wir gerade gehört haben, sei besonders erwähnt. Vorgestern war sein Todestag. Er wurde vor 80 Jahren - nur Stunden vor der Befreiung - durch die SS in Auschwitz ermordet. Ich danke den jungen Musikerinnen und Musikern der Universität der Künste Berlin, dass sie diese Werke für uns heute spielen. 

Es tut gut, zu erleben, wie die junge Generation am Gedenken teilnimmt. Ich begrüße an dieser Stelle auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Jugendbegegnung! Sie sind in Auschwitz gewesen. Sie haben Überlebenden zugehört. Sie tragen damit die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen in die Zukunft. 

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, Sie waren vorgestern ebenfalls in Auschwitz bei der großen Gedenkfeier. Ich danke Ihnen sehr, dass Sie heute zu uns sprechen werden.

Meine Damen und Herren, es gibt immer weniger Menschen, die aus eigenem Erleben von den Gräueltaten der Nationalsozialisten berichten können. Einige von ihnen sind heute hier. Ich freue mich, Sie alle im Namen des ganzen Hauses heute auf der Tribüne begrüßen zu dürfen und ganz besonders Frau Friedländer!

(Beifall)

Und wir sind besonders dankbar, lieber Roman Schwarzman, dass Sie den beschwerlichen Weg aus Odesa auf sich genommen und zu uns gekommen sind und dass Sie auch gleich zu uns sprechen werden. Vielen Dank!

(Beifall)

Sie sind Vorsitzender der Vereinigung ehemaliger jüdischer Ghetto- und KZ-Häftlinge in Odesa. Als Kind haben Sie selbst im Ghetto Berschad gelebt, und davon werden Sie uns heute auch erzählen. Sie setzen sich dafür ein, dass in Ihrer Heimatstadt ein Mahnmal entsteht. Ein würdiges Mahnmal für die Zehntausenden - meist jüdischen - Menschen, die Mitte Oktober 1941 von deutschen und rumänischen Einheiten während des Odesa-Massakers ermordet wurden. 

Lieber Roman Schwarzman, Russlands völkerrechtswidriger Angriffskrieg auf die Ukraine hat Ihren Plan für ein Mahnmal vorerst gestoppt. Statt eine Erinnerungsstätte zu verwirklichen, sorgen Sie sich nun um Ihre Kinder und Enkel in der Ukraine. Ich hoffe sehr, dass es dieses Mahnmal in Odesa sehr bald geben wird. 

(Beifall)

Wir müssen weiterhin aufzeigen und auch weiter erforschen, wie unvorstellbar weit die Verbrechen der Nationalsozialisten reichten. Gerade heute, in diesen Zeiten, ist historisches Bewusstsein besonders wichtig. Es ist an uns, die Überlieferungen der Zeitzeugen auch für die nachfolgenden Generationen zu bewahren.

Im analogen und im digitalen Raum grassieren Verschwörungsmythen und Propaganda. Die Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee und ihr Kampf gegen die Nationalsozialisten etwa wird heute missbraucht als Rechtfertigung für Unterdrückung und Krieg.

Meine Damen und Herren, einige Menschen in Deutschland wollen nichts mehr hören vom Holocaust. Sie wollen sie endlich loswerden, die historische Verantwortung. Ich sage: Wir dürfen uns unserer historischen Verantwortung niemals entziehen. 

(Beifall)

Deshalb dürfen wir nicht aufhören, hinzusehen, zuzuhören, nachzufühlen.

Hierzulande greift der Antisemitismus um sich. Nicht erst, aber ganz besonders seit dem 7. Oktober 2023. Jüdinnen und Juden werden offen bedroht und angegriffen. „Nichts ist für immer gewonnen“, mahnt Piotr Cywiński, der Leiter der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.

Wir müssen ehrlich mit uns sein. Viele Jüdinnen und Juden fühlen sich nicht sicher in Deutschland. Im Kampf gegen Antisemitismus erleben wir enttäuschende Rückschritte, und das schmerzt. Vor Kurzem fragte mich ein jüdischer Vater: „Können Sie mir versichern, dass meine Kinder in diesem Land auch in Zukunft sicher sind?“ Wie gern hätte ich aus voller Überzeugung mit Ja geantwortet. Doch die Frage bleibt offen. Die Antwort liegt in unser aller Hand.

Im vergangenen Jahr haben wir im Deutschen Bundestag mit großer Mehrheit eine Resolution verabschiedet, um jüdisches Leben in Deutschland zu schützen und zu stärken. Das ist ein wichtiges Zeichen. Jetzt müssen wir diese Resolution als Auftrag nehmen und mit Leben füllen.

Mitmenschlichkeit zu leben, ist keine Aufgabe, die man einfach delegieren kann - zum Beispiel an die Politik. Jede und jeder von uns sollte sich immer wieder fragen: Was bin ich bereit für das „Nie wieder“ zu tun? 

Vielen Dank!

(Beifall)