11.10.2023 Tourismus — Anhörung — hib 744/2023

Experten: Wenig Spielraum für Forschung durch Lehraufgaben

Berlin: (hib/VOM) Die deutsche Tourismusforschung leidet unter der hohen zeitlichen Belastung des akademischen Personals durch Lehrverpflichtungen. Darin waren sich die geladenen Sachverständigen einer öffentlichen Anhörung des Tourismusausschusses am Mittwochnachmittag einig. „Tourismusforschung als Grundlage für eine zukunftsfähige Entwicklung des Tourismus“ lautete das Thema.

Guido Sommer von der Hochschule Kempten sagte, die deutschen Professoren hätten Lehraufträge über 18 Stunden pro Woche, was in den USA, Großbritannien und anderen Ländern nicht der Fall sei. In diesen Ländern gebe es einen akademischen Mittelbau und damit Mitarbeiter in der Forschung, die es in Deutschland nicht gebe. „Wir müssen dann doch wieder von Projekt zu Projekt arbeiten“, sagte Sommer und befand: „Wir brauchen eine Verstetigung.“ Mit dem Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes in Salzgitter als Bindeglied zwischen Politik und Tourismuswirtschaft gebe es wenig Berührungspunkte, so der Sachverständige.

Sven Groß von der Hochschule Harz ergänzte, dass es im Ausland ganz andere Rahmenbedingungen gebe. Dort werde das Thema Tourismus auch ernster genommen, die Lehraufträge bewegten sich zwischen vier bis sechs Wochenstunden, auf peer-reviewed journals werde mehr Wert gelegt. „Wir sind ,nur' Fachhochschul-Professoren“, sagte Groß, der auch auf die unterschiedliche Ausstattung hinwies. Prägendes Forschungsthema der Vor-Corona-Jahre seien der Over-Tourism und die negativen Effekte des Tourismus gewesen.

„Wir brauchen nachhaltige Lösungen, nicht nur Anschubfinanzierungen“, sagte Alexander Dingeldey von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Ravensburg. Auch gehe es darum, junge Menschen für den Tourismus zu begeistern. Die wirtschaftliche Lage vieler Betriebe im Tourismus sei schwierig, dennoch gebe es im Tourismus auch gutbezahlte Jobs. In seinem Fall, so Dingeldey, sicherten die Studierendenzahlen den Studiengang. Da sie gesunken seien, sei dieser nicht mehr „touristisch“. Sinkende Studierendenzahlen bedeuteten aber auch sinkende Budgets.

„Wir müssen themenoffen bleiben und schnell reagieren können“, betonte Dingeldey. Grundlagenprojekte könnten auch offene Fragestellungen enthalten, doch fehle häufig die Zeit, um Dinge aufzugreifen. Grundlagenforschung heiße, den Dingen tiefgehend auf den Grund zu gehen: „Das schaffen wir von den zeitlichen Anforderungen her einfach nicht.“

Claudia Brözel von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde (Brandenburg) sagte, man stehe mit der Lehre „am Anschlag“. Bei großen Forschungsprojekten komme man nicht voran. Brözel plädierte dafür, mehr im Verbund zu arbeiten, etwa die Themen Nachhaltigkeit und Tourismus oder Digitalisierung und Tourismus zu verbinden. Sie wies darauf hin, dass deutschlandweit 76 Prozent der Studierenden in Tourismus-Studiengängen weiblich seien. Man könne an 157 Stellen in Deutschland Touristik studieren.

Was den Transfer von Forschungsergebnissen in die Branche betrifft, sagte Brözel, der Bund könnte Anreize für mehr Kooperation schaffen, auch mit den Universitäten. Die Tourismusbranche sei durch kleine und mittlere Unternehmen geprägt. Diese könnten „nicht auch noch Forschungsergebnisse lesen“.

Anne Köchling von der Fachhochschule Westküste in Heide (Holstein) sagte, derzeit liefen an ihrem Institut 30 Forschungsprojekte, mit der Basisförderung könne man „schon was machen“. Drittmittelprojekte blieben aber nicht außer Acht. Im Jahr 2022 habe es 30 Veröffentlichungen gegeben, so Köchling. Das führe zu Planungssicherheit und einem besseren Output. Sie arbeite eng mit der Praxis zusammen und stelle ihre Forschungsergebnisse auch vor. Wichtig sei die Vernetzung und Kommunikation von Instituten und Praktikern.

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