18.01.2023 Sport — Ausschuss — hib 38/2023

Herausforderungen für „Vorübergehend Olympische Verbände“

Berlin: (hib/HAU) Die sogenannten Vorübergehend Olympischen Verbände (VOV) freuen sich auf die Olympischen Sommerspiele 2024 in Paris und stehen zugleich aufgrund der zeitlich beschränkten Perspektive speziellen Herausforderungen gegenüber. Das wurde während einer öffentlichen Sitzung des Sportausschusses am Mittwochnachmittag deutlich. Zu den VOV gehören der Deutsche Alpenverein (DAV) mit der Disziplin Sportklettern, der Deutsche Rollsport und Inline-Verband (DRIV) (Skateboarding), der Deutsche Wellenreitverband (DWV) (Wellenreiten) und der Deutsche Tanzsportverband (DTV) (Breaking).

Die Fördersystematik für VOV spezifiziere deren Förderung auf Basis des Konzepts zur „Neustrukturierung des Leistungssports und der Spitzensportförderung“, machte die Vertreterin des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Birte Steven-Vitense, deutlich. Die Fördersystematik verfolge die Zielstellung, den Spitzensport zukünftig erfolgreicher zu machen, Potenzial für Podiumsplätze bei den Olympischen Spielen als Zielwettkampf zu erkennen und dieses Potenzial gezielt zu fördern - „jeweils angepasst an die spezifische Situation jedes VOV“. Die verbandsspezifischen Zielstellungen und die zur Zielerreichung erforderlichen Bedarfe seien in Strukturgesprächen zwischen Spitzenverband und DOSB unter Beteiligung des BMI abgestimmt worden, so die DOSB-Vertreterin. Dabei werde eine sachgerechte und potentialorientierte Leistungseinschätzung dieser Verbände vorgenommen. Aufgrund der heterogenen Professionalisierungsgrade der VOV, so Steven-Vitense, werde dabei ein vereinfachtes, kriteriengeleitetes Verfahren angewandt.

Für den Deutsche Alpenverein stellen die nicht in erforderlichem Maße verfügbaren Spezialtrainingsstätten eine große Herausforderung dar, sagte DAV-Vizepräsidentin Burgi Beste. Anders als bei den führenden Nationen könne in Deutschland derzeit nicht auf vergleichbarem Spitzenniveau trainiert und auch der Nachwuchs nicht entsprechend entwickelt werden. „Wir haben kein Bundesleistungszentrum und nur ein Landesleistungszentrum in Bayern“, sagte Beste. Es gebe deutlich mehr kommerzielle Kletterhallen als DAV-eigene Hallen. Unzureichend sei auch die personelle Ausstattung mit qualifiziertem Leistungssportpersonal. Trotz einer Verbesserung gegenüber dem nichtolympischen Status sei der DAV derzeit nicht in der Lage, allein aus Eigenmitteln mit den Bedingungen der weltweit besten Nationen mitzuhalten.

Sebastian Barabas vom Deutschen Rollsport und Inline-Verband kann auf Erfahrungen aus dem ersten Olympiazyklus zurückgreifen, da Skateboarding auch bei den Sommerspielen von Tokio im Jahr 2021 olympisch war. Für die Sportart habe diese Entscheidung weitgreifende und tiefgehende Veränderungen dargestellt, sowohl in ihrer sportlichen Struktur als auch in ihrem Selbstverständnis. Das primär jugend- und subkulturell geprägte Skateboarding, welches meist als Bewegungsform zum Zweck der Selbstverwirklichung ausgeübt wurde, habe die Erweiterung der organisierten leistungssportlichen Orientierung, mit dazugehörigen strukturellen Aspekten, erlebt, so Barabas. Auch nach vier Jahren im organisierten Sport befinde sich ein Großteil der Struktur nach wie vor im Aufbau, sagte er. Der Verbands- und Vereinssport gewinne an Relevanz, spiele beim Großteil der Skater allerdings nach wie vor eine untergeordnete Rolle.

Barabas verwies ebenfalls auf fehlende olympische Trainingsmöglichkeiten. Der DRIV-Vertreter warb dafür, Schwerpunkte und Förderfähigkeit bestimmter Maßnahmen im Rahmen der Bundesförderung individueller zu gestalten und allgemein Prozesse zu vereinfachen und weniger bürokratisch zu gestalten.

Thomas Wehling, Vizepräsident des Deutschen Tanzsportverbandes, sagte, die größte Herausforderung sei es gewesen, Teile der freien Szene unter Bezugnahme auf die Olympischen Spiele davon zu überzeugen, den Weg in den organisierten Sport zu finden. Wehling sprach von Unverständnis auf Seiten der Aktiven gegenüber ehrenamtlichen Strukturen sowie von hohen Gagen-Preisgeldvorstellungen. Angesichts fehlender Sicherheiten über die olympische Zukunft der Sportart über 2024 hinaus und damit fehlender Planbarkeit der Personalien und Strukturen, sei auch kein strategischer Aufbau von Stützpunkten möglich. Der DTV-Vizepräsident forderte eine Entbürokratisierung bei der Fördermittelbeantragung, da es bei den VOV keine ausreichende personelle Ausstattung gebe.

„Aktuell bereitet sich eine Athletin im Olympiakader und acht Athleten im Perspektivkader auf das anstehende und entscheidende Qualifikationsjahr 2023 vor“, sagte Tom Delaveaux, Vizepräsident des Deutschen Wellenreitverbandes. Für die Spiele in Tokio, bei denen erstmals Wellenreiten olympische Sportart war, hatte sich ein deutscher Athlet qualifiziert. Delaveaux sprach ähnliche Herausforderungen wie die Vertreter vom DRIV und dem DTV an. Auch der DWV organisiere, integriere und fördere eine weitgehend individualisierte, freiheitsliebende und subkulturell geprägte Szene. Die Herausforderung, wie auch die Chance, bestehe in einem nachhaltigen Aufbau einer Sportart, welche auch nach einem vermeintlichen Ausscheiden aus den olympischen Sportarten in der Lage ist, ein Spitzen-, Breiten- wie Nachwuchssportangebot in Deutschland zu machen, sagte er. „Was es braucht, ist eine nachhaltige Investitionssicherung in Form einer breit angelegten Strukturentwicklung“, so Delaveaux.

Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium (BMI), Mahmut Özdemir (SPD), äußerte sich während der Sitzung auch zur gestoppten Bundesförderung des DAV für die Maßnahmen zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Paris. Grund dafür sei eine negative Subsidiaritätsprüfung. Nach „Recht und Gesetz“ sei ein Verband nicht förderfähig, wenn er genug eigene Mittel habe, um den Leistungssport zu bestreiten, erläuterte er auf Nachfrage. Özdemir räumte ein, dass dies eine Ungleichbehandlung eines Verbandes im Vergleich zu anderen VOVs sei, „die ein Stück weit ungerecht ist“. Den aktuell laufenden juristischen Auseinandersetzungen zu dem Thema wolle er nicht vorgreifen, so der Staatssekretär. Er hoffe aber, durch gute Gespräche eine vernünftige Lösung finden zu können.

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