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„Die Soldaten müssen geehrt werden“ – Interview, 06.09.2021

Tageszeitungen liegen aufgefächert auf einer schwarzen Unterlage.

(© Presse- und Informationsamt der Bundesregierung)

Interview mit der Wehrbeauftragten in der Frankfurter Rundschau vom 6. September 2021

„Wehrbeauftragte Högl zum Afghanistan-Einsatz: “Die Soldaten müssen geehrt werden„“

Frau Högl, Sie waren dabei, als die Afghanistan-Soldaten von Ihrem Evakuierungs-Einsatz aus Taschkent nach Wunstorf zurückkehrten. Was haben Sie da erlebt?

Ich habe auf dem Flughafen von Taschkent viele Gespräche mit Soldatinnen und Soldaten geführt. Das Wichtigste ist, dass alle heil zurückgekommen sind. Wir können sehr stolz sein auf das, was da geleistet wurde. Über 5000 Menschen wurden gerettet. Das ist eine Höchstleistung. Was ich allerdings auch gespürt habe, ist, dass wir das gut nacharbeiten müssen. Die Soldatinnen und Soldaten haben viel gesehen, was belastend ist und sie mitgenommen hat.

Soweit ich gehört habe, wird jedem Soldaten ein Gespräch angeboten.

Ja. Das ist wichtig. Darauf hatte ich auch von Anfang an gedrungen. Denn das war kein normaler Einsatz, sondern extrem herausfordernd und gefährlich. Die Soldatinnen und Soldaten sind über ihre Belastungsgrenzen hinausgegangen. Für diesen Einsatz gibt es deshalb ein spezielles Konzept der psychosozialen Nachbereitung. Den Soldatinnen und Soldaten werden gute Angebote gemacht.

Was war an diesem Einsatz neben der Gefahr nicht normal?

Sie mussten dafür sorgen, dass viele schutzbedürftige Menschen an Bord der Maschinen kommen und ausgeflogen werden. Das heißt auch, dass nicht alle mitkommen konnten. Soldaten haben erlebt, dass Familien getrennt wurden. Das ist Teil der Belastung. Andere Menschen mussten durch Kabul zum Flughafen gebracht werden; das war ebenfalls sehr herausfordernd.

Nach ihrer Landung präsentierten sich die Soldaten demonstrativ mit ihren Gewehren. Was sagt das aus über die Truppe?

Die Soldatinnen und Soldaten hatten, als sie die Flugzeuge verließen, am Mann und an der Frau, was sie für den Einsatz brauchten. Dazu gehören ein Rucksack und das Gewehr. Die Waffe gehört zur Ausstattung eines Soldaten. Es ist absolut in Ordnung, das Gewehr immer bei sich zu haben, wenn man frisch aus einem Einsatz kommt. Das hat auch verdeutlicht, dass dieser Einsatz sehr robust war.

Es war also keine Demonstration.

Nein. Für manche waren das vielleicht ungewöhnliche Bilder. Aber für die Soldatinnen und Soldaten ist das ganz normal. Sie mussten ja schließlich alles, was sie dabei hatten, im Flugzeug wieder mit zurück nehmen.

An dem Einsatz war nicht zuletzt das wegen Rechtsextremismusvorwürfen in Verruf geratene Kommando Spezialkräfte (KSK) beteiligt. Ist das jetzt rehabilitiert?

Aus den Vorfällen, die es beim KSK gegeben hat, wurden bereits Konsequenzen gezogen. Das muss aber weiter schonungslos aufgeklärt werden. Das ist noch nicht abgeschlossen. Aber ich bin sehr froh, dass wir das KSK haben. Bei dem Evakuierungseinsatz haben viele gemerkt, wie wichtig es ist. Die Fähigkeiten, die diese Frauen und Männer besitzen, brauchen wir. Es ist gut, dass jetzt alle gesehen haben, wofür. Das hat den Verband moralisch gestärkt.

Sollten die Soldaten geehrt werden? Und wenn ja: Wie?

Die Soldatinnen und Soldaten müssen auf jeden Fall geehrt werden. Deshalb findet zunächst am 22. September in Seedorf ein Abschlussappell statt. Außerdem wird es noch den Großen Zapfenstreich für alle geben, die in Afghanistan dabei waren. Wer darüber hinaus wie geehrt wird, darüber muss gesprochen werden. Ich habe mich bei der Ministerin dafür eingesetzt, dass eine persönliche Ehrung wichtig wäre – etwa durch ein Ehrenkreuz oder eine Einsatzmedaille.

Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, André Wüstner, hat der Bundesregierung angesichts des Umgangs mit den Ortskräften mangelnde Strategiefähigkeit attestiert. Teilen Sie das?

Das teile ich nicht. Selbstverständlich ist unsere Bundesregierung grundsätzlich strategiefähig. Aber dass im Verfahren mit den Ortskräften vieles nicht optimal gelaufen ist, ist klar. Man hätte da früher Verantwortung übernehmen können. Andererseits: Wer wusste, dass die Taliban so schnell Kabul einnehmen? Jedenfalls müssen wir uns auch im Nachgang zu diesem Evakuierungseinsatz um die Rettung weiterer schutzbedürftiger Menschen kümmern.

Wie bewerten Sie eigentlich die Tatsache, dass das auffälligste Engagement für die Ortskräfte aus der Bundeswehr selbst kam, von Hauptmann Marcus Grotian und seinem Patenschaftsnetzwerk?

Das Engagement von Marcus Grotian und den anderen im Patenschaftsnetzwerk ist hervorragend. Ich hoffe sehr, dass er dafür die nötige Anerkennung bekommt. Herr Grotian hat meine Unterstützung. Er spricht für viele Soldatinnen und Soldaten, die in Afghanistan waren. Sie haben Kontakte zu Ortskräften geknüpft. Sie wissen, wie wichtig deren Beitrag war, und fühlen sich verantwortlich. Sie wollen, dass man sich für die Ortskräfte engagiert. Das ist wichtig und richtig so. Deshalb sollte man jetzt auch bei den anderen Einsätzen schauen, welche Ortskräfte bei einer Veränderung der Lage unsere Unterstützung brauchen.

Sie meinen in Mali.

Ja, zum Beispiel.

Der Chef des Veteranenverbandes, Bernhard Drescher, hat gewarnt, der Frust vieler Soldaten über den Einsatz werde noch mehr von ihnen nach Rechtsaußen führen. Fürchten Sie das auch?

Ich halte eine Bilanzierung des Afghanistan-Einsatzes für ganz entscheidend, insbesondere auch für die Soldatinnen und Soldaten. Die fast 20 Jahre waren aus meiner Sicht aber nicht vergeblich. Das Land Afghanistan hat sich verändert, selbst wenn sich vieles gerade anders darstellt. Wir sollten das nicht klein reden. Im Übrigen hat der Afghanistan-Einsatz die Bundeswehr verändert und geprägt; das sollte man berücksichtigen. Die Soldatinnen und Soldaten haben alles gegeben. Sie tragen an dem, was nicht funktioniert hat, keine Schuld.


Interview: Markus Decker

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