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Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier anlässlich der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus am 29. Januar 2025 im Deutschen Bundestag

[Stenografischer Dienst]

Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier:

 

Sehr geehrter, lieber Herr Schwarzman,
Frau Präsidentin des Bundestages,
Herr Bundeskanzler,
Frau Präsidentin des Bundesrates,
Herr Präsident des Bundesverfassungsgerichts,
Exzellenzen,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

in einem Wohnhaus in Odessa findet man heute, etwas versteckt, ein kleines Holocaustmuseum. Dort, in einer Vitrine hinter Glas, liegt ein armlanges Stück eines dicken Seils. Das Foto, das ich vor einiger Zeit gesehen habe, hat mich nicht mehr losgelassen. 
Lieber Herr Schwarzman, vor vier Jahren haben wir uns beim Gedenken in Babyn Jar getroffen. Als wir uns gestern wiedersahen, haben Sie mir die Geschichte dieses Seils erzählt. 
Dieses Seil ist der einzige Gegenstand, der heute noch an ein Mädchen aus Odessa erinnert. Das Mädchen hieß Rosa. Rosa ging noch zur Schule. Sie hatte einen guten Freund, Jakow. Sie beide teilten die Schulbank. Rosa war 16 Jahre alt, als sie im Herbst 1941 ermordet wurde. In jenen Tagen und Wochen wurden Tausende jüdische Kinder, Frauen und Männer in Odessa getötet oder aus der Stadt in Ghettos in der Umgebung getrieben. 
Als Rosa erhängt wurde - einzig und allein, weil sie Jüdin war -, sah ihr Freund Jakow sie sterben. Eine Woche lang ließ man sie am Strick hängen. Jakow sah ihren Leichnam und konnte nichts tun. Und als man ihren Körper endlich abnahm, blieb nur dieser Strick zurück. In seiner Verzweiflung und Trauer nahm Jakow ihn mit, eben das Einzige, was er als Erinnerung an seine Freundin bewahren konnte - ein Stück des Stricks, der ihr den Tod brachte. 

Meine Damen und Herren, viele Jahre später kam ein alter Mann mit einer alten Tasche in das Museum in Odessa, das Sie, Herr Schwarzman, gemeinsam mit anderen gegründet hatten, um die Erinnerungen der Überlebenden der Shoa zu sammeln und zu bewahren. 
Der, der da kam, war Jakow. Er brachte Ihnen den Strick, erzählte die Geschichte von Rosas Ermordung und sagte: „Jetzt kann ich ruhig sterben, weil meine Jugendfreundin eine würdige Erinnerung hat.“ Zwei Monate später starb er.

Meine Damen und Herren, was die Deutschen und ihre Mittäter auf dem Gebiet der heutigen Ukraine exekutierten, das war ein Feldzug der Vernichtung. Er begann schon, bevor die Deutschen ihren Plan zur systematischen Ermordung der europäischen Juden in Todeslagern in die Tat umsetzten. Das jüdische Leben wurde ausgelöscht in Odessa, Babyn Jar, Czernowitz, Cherson, Charkiw, Dnipro. 
Wir erinnern heute an Rosa und an alle anderen Kinder, Frauen und Männer, die damals in der Ukraine und in ganz Europa ermordet worden sind. Wir schulden den Opfern eine würdige Erinnerung; wir vergessen sie nicht.

Lieber Herr Schwarzman, Sie selbst sind ein Überlebender der Shoa. Sie waren im Ghetto von Berschad im damaligen Transnistrien gefangen - als fünfjähriger Junge, mit Ihrer Mutter und Ihren Geschwistern. Sie litten Hunger. Sie hatten Angst. Sie sahen Ihren Bruder sterben. Als kleiner Junge waren Sie umgeben von Schmerz, Entsetzen und Grausamkeit. Sie wurden Zeuge eines Massenmordes. 
Das unglaubliche Leid, das Sie ertragen mussten, hat Sie nicht gebrochen. Sie haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Opfern und den Überlebenden der Shoa in Odessa und auf dem ganzen Gebiet der heutigen Ukraine eine Stimme zu geben. Ohne Menschen wie Sie, Herr Schwarzman, gäbe es keinen Ort, an dem Jakows Erinnerung an Rosa weiterlebt. Heute setzen Sie sich dafür ein, den Opfern des Massakers in Odessa ein Denkmal zu setzen, und Deutschland unterstützt Sie dabei. 
Ich bin Ihnen zutiefst dankbar dafür, dass Sie sich auf den Weg gemacht haben aus Ihrer angegriffenen Heimatstadt hierher zu uns. Ich empfinde es als Ehre, dass Sie heute zu uns sprechen, und versichere Ihnen: Mein Land steht an Ihrer Seite bei Ihrer wichtigen Erinnerungsarbeit, aber auch an der Seite Ihres Landes in diesem furchtbaren Krieg, den Putin gegen die Ukraine, ihre Freiheit und Unabhängigkeit, gegen die Menschen in der Ukraine führt. Wir werden Sie weiter unterstützen. Wir stehen an Ihrer Seite und bleiben an Ihrer Seite. Danke, Herr Schwarzman, dass Sie hier sind! 

Meine Damen und Herren, wir sind heute zusammengekommen, um der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. 80 Jahre ist es her, ein stattliches Menschenalter, 80 Jahre ist es her, dass das Vernichtungslager Auschwitz am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurde. Wir alle haben in unseren Köpfen und Herzen Bilder, die für uns das Grauen der Shoa darstellen. In diesen Tagen sehen wir wieder jene Fotos, die längst zu Symbolen geworden sind: Wir sehen die von den Befreiern aufgenommenen Filmszenen in Schwarz-Weiß. Wir sehen die aufgeschichteten Leiber von Toten, wir sehen die ausgezehrten Gesichter von Überlebenden. All das sehen wir wieder und wieder - seit 80 Jahren. Das ist notwendig. 
Und doch liegt auch eine Gefahr darin: Die oft gesehenen Szenen, die bekannten Worte der Mahnung, die Routine der Erinnerung, sie bergen die Gefahr einer falschen und trügerischen Gewissheit. Sie machen es uns leicht, zu glauben, wir hätten vollends verstanden, was geschehen ist. Sie machen es uns leicht, zu glauben, wir wüssten schon alles. Sie machen es uns leicht, der Versuchung zu erliegen, all diese Bilder, Geschichten und Worte gedanklich in einer großen Kiste zu sammeln, auf deren Deckel steht: All dies ist so lange her. 

Aber die Zeit, meine Damen und Herren, sie ändert nichts daran, was geschehen ist. Die historische Wahrheit lässt sich eben nicht wegpacken! Wir müssen uns dieser Wahrheit immer wieder von Neuem stellen. Und wir dürfen nicht darin nachlassen, sie den Nachkommenden weiterzuerzählen. 
Dabei werden wir immer weniger die Gelegenheit haben, den Zeitzeugen zuzuhören. Wir werden besonders für die jungen Menschen neue Formen des Erinnerns finden müssen, Formen, die zunächst einmal das Wissenwollen in den Vordergrund rücken, Formen, die deutlich machen, dass wir alle - nicht nur die Jungen - immer noch Suchende und Lernende sind. Es ist eine Aufgabe unserer Generation, überall in Europa gegen das Vergessen zu arbeiten! Es ist eine Aufgabe - das will ich hinzusetzen -, an der wir nicht scheitern dürfen. Deshalb bin ich gerade in diesen Zeiten den Menschen, die in deutschen Gedenkstätten forschen, lehren und arbeiten, so dankbar für ihr Engagement. 

Dass die Gedenkstätten heute aus politischen Gründen angegriffen und geschändet werden, dass Mitarbeiter beleidigt und bedroht werden, das muss uns alarmieren! Diese systematischen Angriffe zielen ab auf Einschüchterung, auf Zerstörung, und am Ende auf die Diskreditierung der Erinnerung und die Umschreibung der Geschichte. 

Und wenn Gedenkstätten statt für die Bildungsarbeit jährlich einen immer höheren Anteil ihres Etats für Sicherheitsmaßnahmen ausgeben müssen, dann, finde ich, ist das eine Schande! Das dürfen wir nicht hinnehmen in diesem Land! 

Meine Damen und Herren, die Präsidentin des Bundestages hat es gesagt: Vor zwei Tagen, am Montag, war ich gemeinsam mit Holocaustüberlebenden und vielen Repräsentanten der deutschen Politik in Auschwitz - nicht weit weg von Berlin, unserer Hauptstadt, in der all das erdacht wurde, was dort geschah. Dort zwischen den Baracken zu stehen, bedeutet, vor einer unausweichlichen Wahrheit zu stehen: Deutsche haben dieses Menschheitsverbrechen organisiert und begangen. Deutsche haben diesen Abgrund der Unmenschlichkeit gegraben, sie haben ihn geplant, vermessen, berechnet. Und die Opfer haben diesen Abgrund durchschritten - bis an sein Ende. 

Meine Damen und Herren, dieser Ort, Auschwitz, macht uns klar: Die Shoa ist ein Teil der deutschen Geschichte. Sie ist, ob wir wollen oder nicht, Teil unserer Identität. Es gibt kein Ende der Erinnerung und deshalb auch keinen Schlussstrich unter unsere Verantwortung.

„Nie wieder!“, das bedeutet nicht nur, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland, in Europa und in Israel sicher leben können. Es bedeutet, dass sie in unserem Land Teil unseres gemeinsamen Wir sind und bleiben. Dieses „Nie wieder!“ heißt längst nicht mehr „Wehret den Anfängen!“ - darauf hat Michel Friedman gerade zu Recht hingewiesen, wie ich finde -, sondern meiner Meinung nach müsste es eigentlich längst heißen: Bedenke das Ende, wenn Antisemitismus Alltag wird in unserem Land, auf unseren Straßen und Plätzen, in Schulen und Hochschulen. Das dürfen wir in unserem Land mit unserer Geschichte niemals zulassen, meine Damen und Herren. 

Wir Deutsche haben Lehren aus unserer Geschichte gezogen. Wir haben unsere Verfassung darauf aufgebaut. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ - das ist die Antwort auf die ungeheuerlichen deutschen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Unsere Demokratie ist die Antwort auf Rassenwahn und Nationalismus. Und ich bin davon überzeugt: Diese Lehren bleiben richtig und gültig, auch in einem Land, das sich verändert. Diese Lehren haben uns getragen, uns Jahrzehnte des äußeren und inneren Friedens garantiert. Sie haben Vertrauen wachsen lassen bei unseren Partnern in Europa, in der Welt und - und das ist mir wichtig - eben sogar bei denen - welch ein Geschenk! -, die einst Opfer der Deutschen geworden sind. Das Bekenntnis zu unserer fortdauernden Verantwortung, von der ich gesprochen habe, und die Erfolgsgeschichte unserer Demokratie: Beides gehört zusammen, und ich würde mir wünschen, dass das so bleibt.

Ich würde mir wünschen, dass das so bleibt; denn wenn wir heute die Shoa verdrängen, verharmlosen oder vergessen, dann erschüttern wir damit doch auch das Fundament, auf dem unsere Demokratie gewachsen ist. Und umgekehrt gilt: Wer heute die Demokratie lächerlich macht, verachtet, angreift, der ebnet eben auch den Weg zu Hass, Gewalt und Menschenfeindlichkeit. 

Deshalb - ich komme noch mal auf den Montag und auf die Reden der Überlebenden zum Gedenken an Auschwitz und die Opfer zurück - hat uns doch vorgestern in Auschwitz der Überlebende Leon Weintraub - immerhin 99 Jahre alt - so eindringlich, ja fast verzweifelt gewarnt: „Nehmt die Feinde der Demokratie ernst!“ Und ich wiederhole es hier im Deutschen Bundestag, meine Damen und Herren: Nehmt die Feinde der Demokratie ernst! 

Ja, meine Damen und Herren, wir leben in einer Zeit der Entscheidung. Wir haben es in der Hand, das Errungene zu bewahren und unsere Demokratie zu schützen. Gehen wir nicht zurück in eine dunkle Zeit! Wir wissen es besser. Machen wir es besser!

Vielen Dank.